Der Moment

                                                                                                                                                                   .

Ich habe nichts als

die Nacht aus

100 x 100 Nebellichtjahren

                                                                                                                                                                    .

Ich habe nichts als

die Stunde aus

60 x 60 Sekunden

                                                                                                                                                                   .

Ich habe nichts als den Moment

                                                                                                                                                                   .

Der Moment ist meine Schöpfung

die Brücke von meinem

Staubgeist zum Sterngeist

Der Moment ist mein Flügel

zum Flügel des nächsten Moments

                                                                                                                                                                   .

Ich habe nichts als den Flügel

Ich habe nichts als die Schöpfung

Ich habe nichts als den Moment

Rose Ausländer *11.05.1901  +03.01.1988

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LA MUSE MALADE

Ma pauvre Muse, hélas! qu’as-tu donc ce matin?

Tes yeux creux sont peuplés de visions nocturnes,

Et je vois tour à tour réfléchis sur ton teint

La folie et l’horreur, froides et taciturnes.

(Les Fleurs du Mal) 

DIE KRANKE MUSE

Meine arme Muse, ach, was hast du heute morgen? Deine

hohlen Augen sind bevölkert von nächtlichen Gesichten,

und über deine Haut seh ich den Wahnsinn bald sich breiten

und bald das Grauen, beide kalt und verbissen schweigend.

(Die Blumen des Bösen)

* 9. April 1821, Paris + 31. August 1867, Paris

Dort, wo die Grenzen enden,

die Wege sich verwischen.

Wo das Schweigen anfängt.

Dort dringe ich langsam vor

und bevölkere die Nacht mit Sternen,

mit Worten, mit dem Atem

eines fernen Wassers,

das mich erwartet,

wo die Frühe beginnt.

*31. März 1914 Mexiko-Stadt + 20. April 1998 Mexiko-Stadt

1990 Literaturnobelpreis

während ich rumsitze und

auf die Handwerker warte

les ich ein paar Zeilen von Buk:

Ich hör immer so Geräusche

rings ums Haus, sagt sie.

Ich dachte, das bist

vielleicht du.

Ich? Ich war schon seit Tagen

nicht mehr besoffen.

und wärend ich lese

und noch immer auf die Handwerker warte

fallen mir Zigaretten und Bier ein

aber ich steh‘ nicht auf

um Zigaretten und Bier zu holen

ich blättere weiter in den Buchseiten:

In der überfüllten

Ausnüchterungszelle war

alles wie immer: Eine

Kloschüssel ohne Deckel

und ein Münztelefon für alle

und beides gerade

in Betrieb.

Mein Gott, Buk,

was musstest du auch so

übertreiben…

die Handwerker wären schon noch gekommen!

(Auszüge aus: „Charisma“ und „Anonymer Alkoholiker“ C.B.)

„Zwischen Lippe und Stimme stirbt etwas dahin.
Etwas mit Vogelflügeln, etwas aus Angst und Vergessen.“

„Entre los labios y la voz, algo se va muriendo.
Algo con alas de pájaro, algo de angustia y de olvido.“

aus: 20 Liebesgedichte – 20 poemas de amor

Zwischen banger Erwartung und Erkenntnis starb etwas dahin.
Etwas mit Krallen, etwas aus Hilflosigkeit und Panik.

So, wie es in Gräbern keine Hoffnung gibt,
so ist deine Gestalt eingehüllt in eine Seifenblase.

Sie schwebt davon über Bäume und Dächer.
Stumme Worte bedecken den Boden zu meinen Füßen.

* 07.11.1913 Mondovi, Algerien + 04.01.1960 Villeblevin, Frankreich

Die industrielle Zivilisation schafft und provoziert die künstlichen Bedürfnisse, indem sie die natürliche Schönheit abschafft und sie auf weiten Strecken mit dem Industrieabfall bedeckt. Ihretwegen kann die Armut nicht mehr gelebt und ertragen werden. (1956)

Man möchte, daß die Menschen, die man zu lieben beginnt, einen gekannt hätten, wie man war, ehe man sie kennenlernte, damit sie gewahr werden können, was sie aus einem gemacht haben. (1956)

Aus seinem Tagebuch 1951 – 1959

* 07.11.1913 Mondovi, Algerien + 04.01.1960 Villeblevin, Frankreich
Literaturnobelpreis 1957

Peter Ustinov (in memoriam)

22 November 2010

Aus „Der Alte Mann und Mr Smith“:

„Hat es nicht lange Phasen gegeben, in denen die für die Orthodoxie Verantwortlichen individuelle Reaktionen auf die einfachsten Dinge mißbilligten, weil sie darin die Machenschaften des Teufels sahen?“
Mr. Smith (der Teufel) nickte hochzufrieden, „Es gab Zeiten, in denen ich mir überhaupt keine Mühe geben musste. Sie sahen mich überall, besonders dort, wo ich gar nicht war.“

Peter Ustinov *16.04.1921 +28.03.2004

ein Engel
ein Engel mit schwarzen Flügeln
schwebte über der A 65
und ließ sich nieder
neben dem Brückenpfeiler
neben dem Klumpen aus Blech
neben den darin gefangenen Leibern

der Engel beweinte
die Toten
und auch die Sinnlosigkeit
schließlich erhob er sich
seine Flügel waren schwer

in memoriam G. A. 1968 – 2009

Herz un Schmerz

In meine Gedichte
kummt des Wort
H e r z
arig oft vor.
Des is,
liderarisch gsieh‘,
gar net gut for
die Qualidät.
Awer wann ich
die Wohret saa
will –
un for was sunscht
soll’n Gedichte
dann gut sei –
kumm ich um denne
Kerperdääl
ääfach net rum. (Susanne Faschon)

* 03.05.1925 Kaiserslautern
+ 25.10.1995 Jakobsweiler, Donnersberg

nachträglich zum 20. Todestag

1erichfried

Wenn ich leben will

Wenn ich leben will
muß ich atmen –
atembare Luft

Wenn ich leben will
muß ich essen –
eßbares Essen

Wenn ich leben will
muß ich trinken –
trinkbares Wasser

Wenn ich leben will
muß ich wachen und schlafen –
nicht nur schlafen

Wenn ich leben will
muß ich mich selbst und andere lieben –
und gegen Krieg sein

Erich Fried
österreichischer Lyriker, Übersetzer und Essayist
*06. 05.1921 Wien
+ 22.11.1988 Baden-Baden