Friedrich

12 Dezember 1997

Einst befand sich im mächtigen Schatten der katholischen Kirche zu Mummlingen ein kleines Fachwerkhaus. Darin lebten Friedrich und seine kleine Frau. Die Dorfbewohner nannten ihn mehr und oft auch weniger scherzhaft: Friederich, der alte Wüterich.

Kein Wunder, denn der Friederich geriet schnell in Rage. Man munkelte, einmal, da habe er seinem Meister einen Fausthieb verpasst… natürlich sei er daraufhin gefeuert worden. Ein andermal, da war er mit Lina aus der Nachbarschaft in Streit geraten. Beide behaupteten, das Kind des anderen habe den Hahn des Jauchefasses aufgedreht… Schließlich nannte er sie ein liederliches Weibstück, und Lina bezeichnete ihn laut kreischend, damit jeder, der es hören wollte, auch hören konnte, als scheelen Hund. Durch seine aufbrausende Art verschaffte sich Friedrich mehr Feinde als es in einem Menschenleben normalerweise der Fall ist. Ebenso effektiv, aber wenigstens nahm kein Mensch körperlichen oder seelischen Schaden, verliefen seine gegen Dinge gerichteten Wutausbrüche. So zertrümmerte er aus nichtigem Anlass inmitten der Wohnküche den schweren Kohlenkasten. Ein andermal blieb von einem Fahrrad lediglich ein Schrottklumpen übrig, weil die Flickarbeit am Reifen nicht so recht von der Hand gehen wollte.

Bereits im Alter von vierundfünfzig Jahren hatte man Friedrich in Rente geschickt. Ein Unfall in der Gießerei hatte ihn beinahe die rechte Hand gekostet. Aber die eigentliche Ursache für sein frühes Rentnerdasein und häufig auch für seine Wutausbrüche, waren seine vom grünen Star getrübten Augen.

Für den halbblinden, einfachen Mann, der sein Leben lang schwerste Arbeit verrichtet hatte, war das Untätigsein ein schlimmes Los. Gott sei Dank kam dem Pfarrer schon bald darauf die Erleuchtung, wie er die Arbeitskraft des bulligen Schäfchens zugunsten der Kirche einsetzen konnte.

Von da an sah man Friedrich in Arbeitshosen und Karohemd im Kirchgarten schuften. Er grub, harkte, rechte, säte und sorgte so für eine stattliche Anzahl prächtiger Blumen, die die Nonnen pflückten und zu Sträußen arrangierten, um den Altar zu schmücken. Während der Wintermonate beschickte er vor den Messen den riesigen Ofen im Kirchkeller. Im düsteren Kellerraum türmten sich bis zur Decke Kohlen und Brickett. Friedrich schippte das Heizmaterial in Fässer, die mit derben Stricken und Gurten versehen waren. Sobald die Tonnen randvoll waren, streifte er sich das Zuggeschirr über und zog eine nach der anderen, schnaubend wie ein Pferd, in Reichweite der Ofenluke. Schließlich schaufelte er die Kohle mit kräftigen, schwungvollen Bewegungen in den gefräßigen, lodernden, gusseisernen Schlund.

Zu seinen Kirchendiensten gehörte auch das Glockenläuten, sofern dies außer der Reihe geschehen sollte. Das übliche Läuten, morgens, mittags und abends, übernahm eine Automatik. Natürlich ahnte die Automatik nichts von Andachten und Messen, geschweige denn von Hochzeiten und Todesfällen. Sobald ein katholisches Gemeindemitglied die Reise in den Himmel angetreten hatte, wurde Friedrich verständigt, der dann, so schnell ihn seine unsicheren Beine trugen, die Glocken wehklagend ertönen ließ. Kaum wieder zu Hause, klopften auch schon die ersten Neugierigen aufgeregt an die Fensterlade, um zu erfahren, wen der Herrgott zu sich gerufen habe. Darüber wurde Friedrich regelmäßig fuchsteufelswild, und ebenso regelmäßig brachte ihn seine kleine Frau erst mit gezischten Ermahnungen zur Ruhe, bevor sie das Fenster öffnete und wispernd den gespannt Lauschenden die Nachricht vom Tode des oder der Soundso übermittelte.

So verlief Friedrichs Rentnerdasein; hin- und herwandelnd zwischen zornigem Aufruhr, gottesfürchtiger Demut und Pflichtbewusstsein.

Manchmal aber, sah man ihn in Begleitung eines kleinen, dunkelzöpfigen Mädchens, das seine kleine Hand vertrauensvoll in die verstümmelte Rechte des tapsigen, grauköpfigen Bären gelegt hatte. Dann bewegte sich der altgewordene Kirchendiener sicherer als sonst. Das Kind führte ihn zum Kirchgarten, wo sie gemeinsam harkten, rechten, bewässerten, oder Holz sägten. Sanft und geduldig gab er Anweisungen und Erklärungen und ließ sich für Kinderhände und -kräfte geeignete Arbeiten einfallen. Nach dem einfachen Mittagessen, das die inzwischen noch kleiner gewordene Frau aufgetischt hatte, begaben sich die beiden zur Mittagsruhe. Ächzend ließ sich der dickgewordene Friedrich auf dem Sofa nieder; das Mädchen legte sich flohgleich neben ihn: „Erzählst du mir wieder eine Geschichte?“

Friedrich grunzte: „Ja… lass‘ mich kurz nachdenken…“

Das Kind betrachtete derweil das liebe, vertraute Gesicht, die tiefe Narbe über der Oberlippe, schaute in die armen, trüben Augen unter den buschigen Brauen, fuhr mit vorsichtiger Hand über die silbrigen Bartstoppeln und fragte schließlich: „Opa, woher hast du den kleinen blauen Punkt auf der Stirn?“

Der Alte räusperte sich und antwortete: „Nun… hab‘ ich dir die Geschichte noch nicht erzählt?“

Das Kind verneinte ernst und so fuhr er fort: „Einmal, da lud mich Aladdin zu einem Flug auf seinem Teppich ein. Wir machten uns auf die Reise zum Erzengel Ezechiel. Und alle Menschen, die den Erzengel jemals zu Gesicht bekommen haben, tragen dieses Zeichen… das kommt daher… “

„Hat Ezechiel große Flügel?“ unterbrach das Mädchen.

Die Frau, die geschäftig in der Stube umhergehuscht war, schüttelte missbilligend den kleinen Kopf. „Das ist Gotteslästerei“, zischte sie, kniff ihre schmalen Lippen noch fester zusammen und fuhr mit ihrer Arbeit fort.

Während Friedrich müde überlegte, wie groß Ezechiels Flügel gewesen sein könnten, drängte das Kind in gespannter Erwartung: „Opa, Opa… erzähl‘ weiter… “

Friedrich J. * 02.11.1901 + 1970

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