Friedensmesse

30 November 2008

„Allahu Akbar, Allahu Akbar…“
der Muezzin ruft mich zum Gebet
ich öffne die Tür… leise…
schleiche in die Kirche…
„La Illaha il la-lah“
Orchester und Chor antworten:
„Kyrie eleison… Christe eleison…“

Im Altarraum: Die Friedenstaube!

(In der Kirche wurde „A Mass For Peace“ abgehalten.
„The Armed Man“ von Karl Jenkins *1944
Ausgehend von einem frz. Chanson aus dem 15. Jh.:
„L‘ homme armé doit on douter.“
„Den bewaffneten Mann muss man fürchten.“)

taube

„The Armed Man“ beinhaltet u. a.
ein vertontes Gedicht von Guy Wilson *1950:

Now the Guns have Stopped

Silent, so silent, now,
Now the guns have stopped.
I have survived all,
I who knew I would not.
But now you are not here.
I shall go home,
alone;
And must try to live life
As before
And hide my grief.
For you, my dearest friend,
who should be with me now,
Not cold, too soon,
And in your grave, Alone.

Übersetzung:

Still, so still, jetzt,
Nun haben die Waffen aufgehört.
Ich habe alles überlebt,
Ich, der dachte, ich würde es nicht.
Aber du bist nicht mehr hier.
Ich werde nach Hause gehen,
alleine;
Und muss versuchen, das Leben
zu leben wie zuvor
und meine Trauer verbergen.
Für dich, mein liebster Freund,
der jetzt bei mir sein sollte,
nicht kalt, zu früh,
und in deinem Grab, alleine.

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nachträglich zum 20. Todestag

1erichfried

Wenn ich leben will

Wenn ich leben will
muß ich atmen –
atembare Luft

Wenn ich leben will
muß ich essen –
eßbares Essen

Wenn ich leben will
muß ich trinken –
trinkbares Wasser

Wenn ich leben will
muß ich wachen und schlafen –
nicht nur schlafen

Wenn ich leben will
muß ich mich selbst und andere lieben –
und gegen Krieg sein

Erich Fried
österreichischer Lyriker, Übersetzer und Essayist
*06. 05.1921 Wien
+ 22.11.1988 Baden-Baden

vielleicht

22 November 2008

nebel

Für Miro.

du leidest unter
dem Vielleicht
dem nebelschwadengleichen
wabernden Vielleicht
verwehrt es doch
den Blick auf
Zukunft und Ziel

du wolltest kein
in der Ungewissheit
des Vielleicht
ertränktes Leben…
———–
den anderen
macht das Vielleicht
das Leben leicht
kein Festlegenmüssen
offene Auswege
mögliches Ausweichen

vielleicht aber
sind die Ergebnisse
eines solchen Lebens
nur schwer erträglich

Kommentargedicht von Miro:

leicht vielleicht

vielleicht
zerfleischt mich in viele stücke

deutung-§-vielfalt irrt
sagt mir nicht viel
seitigkeit des vielleicht
führt mich nirgendshin
oder doch
ich falle nur ins loch

ich bin viel leicht
ein gefangener des vielleicht
einer von vielen
die leiden und irren
sich im vielseitigkeit-§-wald des vielleicht
für immer verlieren

vielleicht wäre es leichter
im vielleicht keine lücken suchen
anzunehmen wie es ist
und sich dadurch einen vorteil buchen

vielleicht entschließt sich
und endlich erreicht mich dessen botschaft

selbstverständlich

17 November 2008

solange es
selbstverständlich ist
ist es
selbstverständlich selbstverständlich

selbstverständlich
aber
ist es
vielleicht
nur so lange
selbstverständlich
bis ich mir diese
Selbstverständlichkeit
selbst verständlich mache

Harry IX

15 November 2008

Harry studierte die Fernsehzeitung:

„Auf dem Sportkanal
kommt heut‘ Boxkampf…“

„Boxen und Sport…
wie das wohl zusammenpasst?“

überlegte ich laut

„Eigentlich lehn‘ ich Boxkämpfe ab…
aber ist doch lustig
zuzuschau’n
wenn zwei sich verhau’n…“

„Bist du nun DAFÜR oder DAGEGEN?“

Harry brauste auf:
„Bist du schwer von Begriff, ey?
Ich bin dagegen!
Aber wenn sie’s schon mal tun
dann bin ich dafür!

Hopfen und Malz ist bei dir verloren
dumme Gans!“

Bekloppter Mensch, dieser Harry!

„Gastfreundlich wie ein alter Weg.
Dich bevölkern Echos und Stimmen der Sehnsucht.“

„Acogedora como un viejo camino.
Te pueblan ecos y voces nostálgicas.“

aus: 20 Liebesgedichte – 20 poemas de amor

mosaik22

die Stimmen der Sehnsucht
einzementiert
eingeschlossen
in ein mosaikenes Kunstwerk
stummes Erinnern
meine Schritte verhallen
ungehört…………

die alte, weise Eule
nickt mir ruhig zu
schließt und öffnet ihre Scheibenaugen
ich entsende
ein frohes Lächeln

4 November 2008

wenn bei
widerstreitenden Gefühlen
der Kopf
Oberhand gewinnt
macht das Herz eben
unter der Hand weiter