31° im Schatten

31 Mai 2008

mittags um halb drei
sitz‘ ich auf dem Balkon
und les‘ ein paar Zeilen von Buk

das Wetter ist unglaublich
als könne es sich nicht entscheiden
zwischen Sonne und Regen
graue Luft hängt zwischen Himmel und Erde

ich schau‘ die Straße entlang
überall heruntergelassene Rolläden
gut gegen Hitze im einen Fall
gut für frisch geputzte Fenster im andern

ich denk‘ an die Anstrengung
die Fensterputzen so mit sich bringt…
ich betrachte die gekühlte Flasche vor mir
Kondenswasser perlt an ihr runter
wie leicht ’s doch so’n Tropfen hat…

ich fühl‘ mich schlapp
bestimmt hab‘ ich null Blutdruck
in meinem Alter
kriegt man solche Gedanken
ich leg‘ die Füße hoch
und les‘ ein paar Zeilen von Buk
du hast’s auch nicht leicht gehabt
ehrlich, Buk!
wenn ich so an deine Hämorrhoiden denk’…

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„Du schmiegtest dich ans Leid, klammertest dich an Sehnsucht,
die Schwermut riß dich nieder, alles in dir war Schiffbruch!“

„Te ceniste al dolor, te agarraste al deseo,
te tumbó la tristeza, todo en ti fue naufragio!“

aus: Das Lied der Verzweiflung – La canción desesperada
Pablo Neruda

Du glaubst nicht an sichere Häfen, nur an Geburt und Tod,
dazwischen die Wellen, auftürmend oder sanft.

Zerborsten sind Gewissheiten, in tausend Stücke,
der Anker, der Halt versprach, nichts als Ballast.

Lass sie treiben, die Planken, die Masten,
auf den Wellen tanzen, ein Weilchen noch.

Unwissende werden die stummen Reste finden,
neu zusammenfügen, zu Tisch und Stuhl oder Geschichten.

Sonnengedörrtes Treibholz, es wird aufgesammelt
und erfrorenen Herzen etwas Wärme spenden.

Alles in dir war Schiffbruch, es gibt kein Schiff mehr!
Setz‘ die Mütze ab, Kapitän! Es gibt nur noch dich!

Auf dem Dachfirst

18 Mai 2008

In einem von Engeln bewachten Haus
wünschte ich zu leben.
Sie wandelten durch den Garten
hoheitsvoll und bleich
und die Pflanzen neigten sich ihnen zu.
Die mächtigen Engelsflügel
fächelten sanft die Luft
und brächten die Blätter
des Birnbaumes zum Rascheln.

Die Engel teilten mir leise mit,
welcher Dachziegel zu erneuern sei,
wo der Putz bröckelte,
die Feuchtigkeit ins Haus dränge,
die hölzernen Rahmen
der Fenster zu streichen seien.
Solche Sachen eben…

Eine Zeitlang
genösse ich ihre Fürsorge und Wachsamkeit
und dann gingen sie mir auf die Nerven,
weil sie es nicht gerne sähen,
wenn ich untätig herumsäße.
Schließlich sagte ich ihnen,
sie sollten mich in Ruhe lassen.
Das zerstörte die friedliche Atmosphäre,
wir litten alle darunter.
Schmollend hockten sie auf dem Dachfirst.
Das wollte ich nun wieder nicht
und mir täten meine Worte leid.
Ich vermute,
einmal die Woche Engelsbesuch,
das reichte mir…
Ginge das?

Das Gedicht „In der Bibliothek“ von Charles Simic,
veröffentlicht von Miroslav B. Dusanic,
inspirierte mich zu diesen Gedanken.
Besten Dank!

ewige Knoten

13 Mai 2008

morgen, Freund
da geht’s uns gut
wir werden
die dunklen Wolken verweisen
im Kastanienblütenregen tanzen
mit den Vögeln um die Wette singen
versiegte Quellen zum Leben erwecken
Sonne und Mond mit Neid erfüllen

morgen, Freund
da geht’s uns gut
wir werden
Knoten in den Sand zeichnen
ewige Knoten
solche
ohne Anfang und ohne Ende
voller Trotz
und wohl wissend
wie schnell sie vergehen

Nachträglich zum 190. Geburtstag.

„… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

* 05. Mai 1818, Trier
+ 14. März 1883, London
Philosoph, Kritiker des Kapitalismus