Unaufhaltsam (Hilde Domin)

Das eigene Wort,
wer holt es zurück,
das lebendige
eben noch ungesprochene
Wort?

Wo das Wort vorbeifliegt
verdorren die Gräser,
werden die Blätter gelb,
fällt Schnee.
Ein Vogel käme dir wieder.
Nicht dein Wort,
das eben noch ungesagte,
in deinem Mund.
Du schickst andere Worte
hinterdrein,
Worte mit bunten, weichen Federn.
Das Wort ist schneller,
das schwarze Wort.
Es kommt immer an,
es hört nicht auf,
anzukommen.

Besser ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft
am Herzen vorbei.
Nicht das Wort.

Am Ende ist das Wort,
immer
am Ende
das Wort.

*27. Juli 1909, Köln
+ 22. Februar 2006, Heidelberg
Jüdische Lyrikerin

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Familienfeier

26 April 2008

er blickt
über seine Herde
der greise Patriarch

die Jungen
sie
lachen
trinken
reden
atmen
und wenn sie’s ihm gleichtun
dann atmen sie in 6 Jahrzehnten noch
und reden
trinken
lachen
aber vielleicht wird dann
auch auf ihren Gesichtern
ein Hauch von Wehmut liegen

heimlich
heimlich
weint er einige Tränen
unbemerkt
(fast)

Auf der Schulbank!

25 April 2008

„De-Eskalation
in Kundengesprächen“
das heißt:
beleidigen lassen
und dabei unbeeindruckt bleiben
der Vorteil?
: Zeitersparnis!

da kommt doch
so eine blöde Kuh daher
fragt:
„… und wo, bitte,
bleibt da die Selbstachtung?“
: Soll sie sie doch
– zusammen mit den Beleidigungen –
am Arsch lecken!

saumselig

20 April 2008

säumig
und darüber selig sein

träge
langsam
und darüber selig sein

vor langer Zeit schon
verließ sie mich
die Saumseligkeit
sie zuckte resigniert
mit den Schultern
wandte mir träge
noch einmal ihr Gesicht zu
und ging langsam davon

Antworten zu „Wer?“

15 April 2008


„Polynesien“


„Pinsel an die Hand gebunden“


„Absinth“

Das „Ohr“ siehe unten.
Vielleicht drückte ich mich missverständlich aus,
aber ich hatte gleich an vier Maler gedacht…
(Danke für die Kommentare.)

Wer?

14 April 2008

vielleicht ist es ja nicht so wichtig
aber mit Bildung hat’s zu tun
nämlich zu wissen:
wer
… dem Absinth frönte (mehrere Antworten richtig)
… sich den Pinsel an die Hand binden ließ
… in Polynesien sein Glück suchte
… sich ein Ohr abschnitt

ich führe zwei Leben

14 April 2008

eines voller
Bissigkeit
Versiertheit
Angeödetsein
– mir macht keiner was vor
ich bin ja so „tough“ –

und ein anderes
in dem ich mich
von mir selbst erhole

13 April 2008

Welch Snobismus
und zugleich Armutszeugnis:
Nur zu sehen,
was man sehen will!

1000 Herzen

7 April 2008

deine 1000 Herzen
Baum
sie wuchsen heran
getrieben von ihren
kleinen, doch starken Sehnsüchten
nach sanfter Sonne
und milder Luft
Frühling!

die mutigen Herzen
Baum
die hoffnungsfrohen
und die neugierigen
alle
die es wagten
sich zu öffnen
gingen alsbald zu Boden
gepeitscht von kalten Winden
geschlagen und zerschmettert
von eisigem Regen
Baum!

Nie wieder

7 April 2008

Einmal
da sah
Herr Einstein
überall lila Endlosspiralen…
Gott… war ihm schlecht!
Nie wieder
sollte er versuchen
deinen und meinen
kleinsten gemeinsamen Nenner
zu errechnen…