“Du schmiegtest dich ans Leid, klammertest dich an Sehnsucht,
die Schwermut riß dich nieder, alles in dir war Schiffbruch!”

“Te ceniste al dolor, te agarraste al deseo,
te tumbó la tristeza, todo en ti fue naufragio!”

aus: Das Lied der Verzweiflung - La canción desesperada
Pablo Neruda

Du glaubst nicht an sichere Häfen, nur an Geburt und Tod,
dazwischen die Wellen, auftürmend oder sanft.

Zerborsten sind Gewissheiten, in tausend Stücke,
der Anker, der Halt versprach, nichts als Ballast.

Lass sie treiben, die Planken, die Masten,
auf den Wellen tanzen, ein Weilchen noch.

Unwissende werden die stummen Reste finden,
neu zusammenfügen, zu Tisch und Stuhl oder Geschichten.

Sonnengedörrtes Treibholz, es wird aufgesammelt
und erfrorenen Herzen etwas Wärme spenden.

Alles in dir war Schiffbruch, es gibt kein Schiff mehr!
Setz’ die Mütze ab, Kapitän! Es gibt nur noch dich!

Auf dem Dachfirst

18 Mai 2008

In einem von Engeln bewachten Haus
wünschte ich zu leben.
Sie wandelten durch den Garten
hoheitsvoll und bleich
und die Pflanzen neigten sich ihnen zu.
Die mächtigen Engelsflügel
fächelten sanft die Luft
und brächten die Blätter
des Birnbaumes zum Rascheln.

Die Engel teilten mir leise mit,
welcher Dachziegel zu erneuern sei,
wo der Putz bröckelte,
die Feuchtigkeit ins Haus dränge,
die hölzernen Rahmen
der Fenster zu streichen seien.
Solche Sachen eben…

Eine Zeitlang
genösse ich ihre Fürsorge und Wachsamkeit
und dann gingen sie mir auf die Nerven,
weil sie es nicht gerne sähen,
wenn ich untätig herumsäße.
Schließlich sagte ich ihnen,
sie sollten mich in Ruhe lassen.
Das zerstörte die friedliche Atmosphäre,
wir litten alle darunter.
Schmollend hockten sie auf dem Dachfirst.
Das wollte ich nun wieder nicht
und mir täten meine Worte leid.
Ich vermute,
einmal die Woche Engelsbesuch,
das reichte mir…
Ginge das?

Das Gedicht “In der Bibliothek” von Charles Simic,
veröffentlicht von Miroslav B. Dusanic,
inspirierte mich zu diesen Gedanken.
Besten Dank!

ewige Knoten

13 Mai 2008

morgen, Freund
da geht’s uns gut
wir werden
die dunklen Wolken verweisen
im Kastanienblütenregen tanzen
mit den Vögeln um die Wette singen
versiegte Quellen zum Leben erwecken
Sonne und Mond mit Neid erfüllen

morgen, Freund
da geht’s uns gut
wir werden
Knoten in den Sand zeichnen
ewige Knoten
solche
ohne Anfang und ohne Ende
voller Trotz
und wohl wissend
wie schnell sie vergehen

Nachträglich zum 190. Geburtstag.

“… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.”

* 05. Mai 1818, Trier
+ 14. März 1883, London
Philosoph, Kritiker des Kapitalismus

Unaufhaltsam (Hilde Domin)

Das eigene Wort,
wer holt es zurück,
das lebendige
eben noch ungesprochene
Wort?

Wo das Wort vorbeifliegt
verdorren die Gräser,
werden die Blätter gelb,
fällt Schnee.
Ein Vogel käme dir wieder.
Nicht dein Wort,
das eben noch ungesagte,
in deinem Mund.
Du schickst andere Worte
hinterdrein,
Worte mit bunten, weichen Federn.
Das Wort ist schneller,
das schwarze Wort.
Es kommt immer an,
es hört nicht auf,
anzukommen.

Besser ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft
am Herzen vorbei.
Nicht das Wort.

Am Ende ist das Wort,
immer
am Ende
das Wort.

*27. Juli 1909, Köln
+ 22. Februar 2006, Heidelberg
Jüdische Lyrikerin

Familienfeier

26 April 2008

er blickt
über seine Herde
der greise Patriarch

die Jungen
sie
lachen
trinken
reden
atmen
und wenn sie’s ihm gleichtun
dann atmen sie in 6 Jahrzehnten noch
und reden
trinken
lachen
aber vielleicht wird dann
auch auf ihren Gesichtern
ein Hauch von Wehmut liegen

heimlich
heimlich
weint er einige Tränen
unbemerkt
(fast)

Auf der Schulbank!

25 April 2008

“De-Eskalation
in Kundengesprächen”
das heißt:
beleidigen lassen
und dabei unbeeindruckt bleiben
der Vorteil?
: Zeitersparnis!

da kommt doch
so eine blöde Kuh daher
fragt:
“… und wo, bitte,
bleibt da die Selbstachtung?”
: Soll sie sie doch
- zusammen mit den Beleidigungen -
am Arsch lecken!

saumselig

20 April 2008

säumig
und darüber selig sein

träge
langsam
und darüber selig sein

vor langer Zeit schon
verließ sie mich
die Saumseligkeit
sie zuckte resigniert
mit den Schultern
wandte mir träge
noch einmal ihr Gesicht zu
und ging langsam davon

Antworten zu “Wer?”

15 April 2008


“Polynesien”


“Pinsel an die Hand gebunden”


“Absinth”

Das “Ohr” siehe unten.
Vielleicht drückte ich mich missverständlich aus,
aber ich hatte gleich an vier Maler gedacht…
(Danke für die Kommentare.)

Wer?

14 April 2008

vielleicht ist es ja nicht so wichtig
aber mit Bildung hat’s zu tun
nämlich zu wissen:
wer
… dem Absinth frönte (mehrere Antworten richtig)
… sich den Pinsel an die Hand binden ließ
… in Polynesien sein Glück suchte
… sich ein Ohr abschnitt