„Zwischen Lippe und Stimme stirbt etwas dahin.
Etwas mit Vogelflügeln, etwas aus Angst und Vergessen.“

„Entre los labios y la voz, algo se va muriendo.
Algo con alas de pájaro, algo de angustia y de olvido.“

aus: 20 Liebesgedichte – 20 poemas de amor

Zwischen banger Erwartung und Erkenntnis starb etwas dahin.
Etwas mit Krallen, etwas aus Hilflosigkeit und Panik.

So, wie es in Gräbern keine Hoffnung gibt,
so ist deine Gestalt eingehüllt in eine Seifenblase.

Sie schwebt davon über Bäume und Dächer.
Stumme Worte bedecken den Boden zu meinen Füßen.

der große Metaphysiker
bemerkte die Vogelschar
die sich aus dem milchigtrüben Horizont löste
um krächzend den ozeanfarbenen Himmel zu bevölkern

„Welch ein Glück…
dieses Losfliegen-Können…
dieses Abstreifen jeglicher Erstarrung…“

er sah noch einmal
auf die Brücke
die gerade so breit war
wie die Spanne seiner Hand…
und er marschierte los!

Der große Metaphysiker IV

11 Dezember 2011

er strauchelte ein wenig
der große Metaphysiker
„was tu’ ich hier…“
fragte er seufzend
schaute auf zum ozeanfarbenen Himmel
und hinab zum himmelblauen Ozean

im milchigtrüben Horizont
verlor sich der Steg
der ihm Boden unter den Füßen war
vorsichtig… vorsichtig…
drehte er den Kopf
und da war ihm
als narre ihn ein Spiegelbild

mutlos senkte er sein Haupt
„was soll mir ein Boden
gerade so breit
wie die Spanne meiner Hand?“
klagend hob er die Arme
ein kleines erbarmungswürdiges
Kichern machte sich Luft

Kein-Blatt-Baum

7 Dezember 2011

in furiosem Tempo
holt der Herbst mich ein
rüttelt letzte Blätter
von dürren Armen und Fingern

und ach…
so soll es denn sein
einmal nackt
einmal schutzlos dastehen können

kein Hervorbringenwollen
und kein Festhaltenmüssen
so soll es denn sein…!

Herbst

9 Oktober 2011

die Schwalben ziehen
das Nest ist leer
du tropfst mir in den Kragen
machst meine Schultern schwer

deine Farben sie leuchten
machen die Jahreszeit bunt
Trauben schmecken süß
und nach Trauer ohne Grund

du hast den Sommer vertrieben
Verräter du
ich lach mir ein paar Tränen
knöpf den Kragen fester zu

7 August 2011

Steine – klein und bunt
sie fallen
bei jedem jadeäugigen Lächeln
in mein offenes Herz
erzeugen Wellen
kreisrund… unbegrenzt

nachdenklich
stützte der große Metaphysiker
den Kopf in die Hände
und fragte schließlich
„wer bist du?“
„ich bin nur ein Symbol -
ein Symbol für das Leben“
antwortete der Knoten

„das Leben… “ sinnierte
der große Metaphysiker
„woraus besteht das Leben?“
„aus Mangel und aus Fülle“
sprach der Knoten
der ein ewiger Knoten war
weil er weder Anfang noch Ende kannte

der große Metaphysiker
seufzte ein wenig
strich sich die Haare glatt
und kämmte sich
ein leises Lächeln
ins bleiche Gesicht

wie ein Kamel

25 Juli 2011

wenn das Herz
in den Schädel steigt
dann kriecht das
Gehirn in den Brustkorb

Herz und Hirn
zählen dann
die Atemzüge pro Stunde
pro Tag und pro Nacht
pro Monat und pro Jahr
und fühlen sich schließlich
entwurzelt und elend
wie ein Kamel in
der Eiswüste

25 Juli 2011

nur mit halbem Herzen leben
bedeutet nicht
irgendwann
mit der anderen Hälfte
weiterleben zu können

25 Juli 2011

wer nicht das Herz hat
ein Herz zu haben
weiß irgendwann nicht mehr
ob er noch ein Herz hat

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